Was ist eigentlich Cyber-Mobbing?

Geschrieben von patrick am 10.04.2017

Privalino soll ein ganzheitlicher Schutz für Kinder und Jugendliche werden. Aus diesem Grund wollen wir auch Features integrieren, die vor potentiellem Mobbing schützen soll. Da unsere eigene Schulzeit eine Weile zurückliegt, habe ich am 10. November die Fachtagung “Was tun bei (Cyber)Mobbing?” in Köln besucht. Ziel war es mit Experten ins Gespräch zu kommen und auch zu erfahren, was Cyber-Mobbing überhaupt genau ist.

Franz Hilt, Sozialarbeiter, Mediator und Ausbilder für Mediation, definiert in einem Dossier, das im Zusammenhang mit der Fachtagung “Was tun bei (Cyber)Mobbing?” herausgegeben wurde: “Mobbing ist das wiederholte, systematische Schikanieren Schwächerer mit dem Ziel, den eigenen Status in einer Gruppe zu steigern oder aufrechtzuerhalten. Es ist kein ‘Spaßkampf’ zwischen Gleichstarken. Das Opfer ist immer unterlegen.” Cyber-Mobbing geht laut Hilt heutzutage beinahe immer Hand in Hand mit dem analogen Mobbing. Digital Natives unterscheiden bei ihren Attacken nicht zwischen digitaler und analoger Welt. Dies führt laut Klicksafe-Redakteurin, Isabell Tatsch, zu einer 24/7 Mobbingsituation, was das analoge Mobbing nochmals verschärft.

“My home is my castle!?”

Mobbing begann für Kinder der 80er und 90er beim Durchschreiten der Haustür und endete nach Schulschluss auch wieder an ihr. Zwanzig Jahre später, nach der rasanten Evolution der Sozialen Medien gilt dieser Kalenderspruch nicht mehr. Cyber-Mobbing kann nun rund um die Uhr erfolgen; mit neuen und perfideren Methoden. Es wird das fortgeführt, was auf dem Schulhof oder in der Klasse begonnen wurde, sodass den Opfern keine Schutzräume bleiben.

Diese Information war für mich persönlich keine Neuigkeit, aber richtig Gedanken darüber gemacht, habe ich mir auch nicht. Früher wurden diejenigen, die es meistens abbekamen, während der Schulzeit und vielleicht noch auf dem Weg nach Hause schikaniert. Spätestens vor seiner Haustür war aber Schluss damit. Man wollte ja nicht, dass die Eltern einen ausschimpften oder die eigenen Eltern informierten.

“Mach doch das Teil einfach aus.”

Da Eltern keine Digital Natives sind, können sie oft nicht nachvollziehen, wie folgenschwer eine Diffamierung auf Facebook für das Kind sein kann. Die Zugehörigkeit zu Sozialen Medien ist für sie kein Muss, weshalb sie nicht verstehen, wieso die Kinder sich dem Cyber-Mobbing überhaupt aussetzen. Einfacher gesagt als getan, meint Tatsch. Jugendliche hegen und pflegen ihre Medienidentitäten, leben einen Großteil des Tages im Netz. Selbst in face to face Situationen ist man immer mit einem Auge auf dem Smartphone (Stichwort: Phubbing). Mit einer Abkehr von ihren Plattformen würden Kinder und Jugendliche gleichzeitig einen Teil ihrer Identität mit abgeben.

Selbst für mich ist es unangenehm, wenn ich Gegenwind bei Facebook bekomme, obwohl ich eigentlich drauf pfeifen könnte. Neulich hat mich jemand bei der Diskussion über einen Online-Artikel als Arschloch bezeichnet. Das hat mir den halben Tag verdorben, weil ich nichts dagegen tun konnte und sogar zwei Leute seinen beleidigenden Kommentar geliked haben. Wenn ich mir vorstellen würde, ich bekäme ein Dutzend solcher Nachrichten, jeden Tag und auch noch von Leuten, die mich vielleicht kennen…

“Warum sagst du uns denn nichts?!”

Ein Hauptproblem beim Cyber-Mobbing ist, es überhaupt zu erkennen, sagt Hilt. Opfer wollen ihre Eltern schützen und sie nicht mit ihrem Leid belasten. Weiterhin schämen sich viele zutiefst, nach Wochen und Monaten des Mobbing, zu einer Vertrauensperson zu gehen. Es ist den Opfern peinlich, denn wer gemobbt wird, ist meist anders als die anderen. Vielleicht sind ja nicht ohne Grund alle gegen einen. Nicht dazu zu gehören impliziert soziale Inkompetenz, Eigenartigkeit. Dabei braucht es nicht viel, um gemobbt zu werden. Man kann jeden zum Opfer machen, wenn man nur die richtigen Knöpfe drückt. Dies funktioniert zunächst über kurze Testangriffe. Der Aggressor checkt ab, wie das potentielle Opfer reagiert und ob sich ein weiteres Vorgehen lohnt. Rastet das designierte Opfer aus oder reagiert “überemotional” ist dies ein gefundenes Fressen und häufig der Beginn eines Mobbingprozesses. Schreitet dieser Mobbingprozess weiter voran und manifestiert sich, ist selbst eine systemische Intervention kaum noch möglich, meint Jürgen Schmidt, Fachsozialarbeiter für klinische Sozialarbeit, in seinem Vortrag.

An dieser Stelle wurde ich bei den Vorträgen sehr hellhörig. Angesichts der großen Menge geballter Kinderschutzkompetenz kam ich mir vor wie ein Einfaltspinsel. Nach dem Motto: Klar, wir schreiben eben ein Programm und dann könnt ihr alle nach Hause gehen. Aber vielleicht können wir einen Sicherheitsmechanismus einbauen, der Cyber-Mobbing bereits in der Testphase erkennt und vor der Manifestation eine Meldung bei den Eltern oder Lehrern macht. Diese können dann mithilfe von Profis wie Schulsozialarbeitern gemeinsam das Problem angehen, bevor es zu spät ist. Wir werden das im Team diskutieren. Am Ende der Fachtagung habe ich eine Menge über meine eigene Schul- und Jugendzeit nachgedacht. Mir fallen von früher spontan drei Fälle von Mobbing ein. In welchen Fällen war ich Täter oder Mittäter? Diese Frage stellt ihr euch jetzt vielleicht auch. Egal wie eure Rolle damals war: An Mobbingepisoden denkt niemand gerne zurück. Vielleicht können mit Privalino dafür sorgen, dass einige Fälle gar nicht erst so weit kommen.

Patrick Schneider

Der gebürtige Ratinger und Wahlduisburger ist der kreative Kopf hinter dem Marketing von Privalino und das betriebswirtschaftliche Rückgrat der Firma. Er sammelt schneller Meinungen als Lucky Luke seine Pistole zieht. Ob in der Hotellobby, am Messestand oder Netz: Patrick ist immer on fire für Privalino.