„Läuft bei Ihnen, Herr Russo!“ – Gastbeitrag eines Hamburger Lehrers

„Läuft bei Ihnen, Herr Russo!“ – mein Alltag im Esperanto der Postmoderne

Auf dem Weg in den Klassenraum laufe ich durchs Treppenhaus von Haus E, um die Ecke biegend höre ich zwei Schülerinnen über einen dritten, nicht anwesenden Schüler reden:

„Und ich nur so: ‚LOL’ und er dann nur so zu mir: ‚Eeeecht, voll der Abfuck!’. Das is so schwul ey!“

Meinen pädagogischen Auftrag erfüllend frage ich höflich nach, wer aus der Klasse sich denn geoutet habe. „Nee, Herr Russo, ich meinte ‚schwul’ mehr so im Sinne von ‚schlecht’ – den Rest des nur noch kurz währenden Gesprächs kann sich der Leser selbst zusammenreimen; zum Unterricht in der 8c komme ich zu spät.

Real-life-Chat heißt Real-life-Inkongruenz?

Ich habe das Gefühl, meinen Schülern fällt es schwer, analog zu kommunizieren. Das Unterrichtsgespräch und der Austausch mit dem Lehrer (meist Beschwerden aufgrund der „mega unfairen“ Note) sind Sprachsituationen, die einstudiert sind wie Nebenrollen. Da jede sonstige peer-to-peer Kommunikation aber – so scheint mir – in elektronischer Form vollzogen wird, hält die dort bestehende Einzug in den verbalkommunikativen Habitus der Kids, wenn wir sie zwingen, auf dem Schulgelände ihr mobiles Endgerät ausgeschaltet zu lassen. Sie chatten im echten Leben. Abkürzungen, Synonyme, Modeworte, Auslassungen sind die Folge.

Emoticon versus Mimik

Keine Chatnachricht kommt ohne Emoticon aus; Satzzeichen sind passé respektive werden ersetzt durch diverse Smilies, Zwinkies und Winkewinkies. Dieser Trend hält Einzug in die Sprache und somit Gesichter der Jugend. Ein „LOL“ ist normaler und akzeptierter Satzbestandteil. Meine Schüler sagen „grins“, „Spaß“ „haha“ und verziehen dabei keine Mine. Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, mich mit ferngesteuerten und seelenlosen Chatbots zu unterhalten, die den gleichen Botox-Arzt wie Maschmeyer konsultieren.

Subjektiv noch schlimmer verhält es sich mit der Tatsache, dass diese Jugend ihre außerschulische Bildung von Youtube und dessen Stars – den Youtubern – erhält. Youtuber ist nach Astronaut, Feuerwehrmann und Prinzessin der neue Traumberuf unserer Teens. Wobei man sagen muss, dass das Nacheifern einer Youtuberin, deren einziger Inhalt – neben dem unfassbar dreisten, den Kids nicht auffallenden, Product-Placement – aus Schminktipps, Schmucktipps und Fake-Tits besteht, sowieso nur fragwürdige Zukunftsbilder in unseren Köpfen generieren sollte.

Der pedo-Blick macht’s möglich

Eher erschreckend sind hingegen Tendenzen hin zu adjektivischen Neologismen mit dem Präfix „schwuchtel“, „behindert-“ oder „pedo-“. Die durchgestylte, maximaloberflächliche und bereits im zarten Alter überpornoisierte Jugend tradiert Klischees und von Bildungseinrichtungen als Gefahrpotentiale enttarnte Mechanismen in deren Alltag(ssprache).

Ein weiteres – en passant aufgeschnapptes – Gespräch zwischen zwei 14-Jährigen Mädchen verlief in etwa so:

„…wollte er mir doch echt die Kippen nicht verkaufen, Juuunge! Ich nur so den pedo-Blick aufgesetzt und noch mal ganz süß gefragt, ob der Huso nich ma ne Ausnahme machen kann…“

Sowas kann man belächeln. Oder aber Angst bekommen, dass die ach so süße Unschuld solcher Verbalentgleisungen respektive der dahintersteckenden „pedo-Blicke“ die Notwendigkeit einer App wie Privalino nach sich zieht.

Bereicherung durch Vielfalt versus Verarmung durch Wortschatzreduktion

Jetzt hören wir schon die Sprach-Apologeten der Postmoderne rufen, das sei eben Esperanto und auf seine Art Sprachentwicklung.

Der Autor dieser Zeilen fragt sich allerdings auch: wo hört Bereicherung durch Vielfalt auf und fängt Verarmung durch Wortschatzreduktion an?

Beides soll hier kontrastiv und exemplarisch dargestellt werden.

„Das war so richtig çok güzel, mashallah!“ darf wohl als Bereicherung betrachtet werden. Der Schüler kennt den Ausdruck „sehr gut“ in mehreren Sprachen, kann in einer weiteren Sprache „so ein Glück“ sagen und schafft es, mit Worten und Sprache spielend, in einer gleichzeitig gar parataktischen Phrase, drei Sprachen unterzubringen.

„Mein Lehrerin, sie ist krass 1 gute Lehrerin aba sie gibt tan zu viele Hausaufgaben auf, ich schwör!“ dürfte hingegen als Verarmung angesehen werden, weil ein reduzierter Wortschatz auf die gleichzeitige Notwendigkeit des Erlernens von Grammatik trifft.

Hoffnung stirbt zuletzt, sagt „1 nicer boi vong Unterricht her“

Die Hoffnung ist jedoch noch nicht begraben, finden sich doch weiterhin Exempel der amüsanten Art, die dieses Spiel mit Sprache und vermeintlicher Sprachverarmung genussvoll am Leben erhalten. Im Psychologieunterricht des Herrn Russo war neulich die Aufgabe, in einer didaktisch-medial schülernahen Methode seine Vermutungen ob der Frage Was ist Glück? anonym anzustellen und somit einen Einstiegsimpuls für das folgende Thema der Persönlichkeitspsychologie zu haben. Neben sowohl klugen als auch wohl formulierten – immerhin befindet man sich in der Oberstufe, kurz vorm Abitur – Ideen fand sich folgender Vorschlag an der digitalen Tafel: „1 positive Emotion vong Niceigkeit her“ 

Möge das Esperanto aus dieser Schlacht gestärkt hervorgehen und den finalen Erfolg davontragen. Amen!

 

Postscriptum:

Alle in diesem Blog-Beitrag geschilderten Handlungen und Personen sind selbstverständlich frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären zufällig. LOL.

 

By | 2017-10-10T11:21:04+00:00 Oktober 9th, 2017|Latest Articles|0 Comments

About the Author:

Jean Jacques Russo ist Lehrer in Hamburg. Er unterrichtet eine romanische Sprache, Sport, Psychologie und … Kinder. Von selbigen wird er des Häufigeren gefragt, ob er neben dem soeben unterrichteten Fach auch deutsch unterrichte. Er antwortet darauf stets, dafür habe es nicht gereicht. Stattdessen begnügt er sich mit dem stümperhaften Versuch, eloquent auf Start-Up-Blogs daherzukommen. True Story.

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