Der Cyber-Grooming-Selbstversuch

Warum machen wir das?

Irgendwann kommt bei jeder Unternehmung der Zeitpunkt, an dem man mit theoretischen Überlegungen und einschlägiger Literatur kaum weiteren Erkenntnisgewinn erzielen kann. Also haben wir beschlossen, dass sich einer von uns (ich natürlich) als Testobjekt einem Feldversuch stellen sollte. Dabei wollten wir ein paar Fragestellungen klären, von denen wir bisher nur aus zweiter Hand erfahren haben. Also habe ich mich als 13-jähriges Mädchen bei einem der letzten großen Browserchats angemeldet. Obwohl ich schon von ähnlichen Experimenten gelesen hatte, hielt sich meine Aufregung vorab in Grenzen. Unspektakulär stellte ich mir diese Experiment vor und anstrengend. Wie viele Stunden werde ich darauf warten, bis ich ein paar echte Gespräche mit Cyber-Groomern führen würde? Ist am Ende die Gefahr nicht so groß wie vermutet und die Männer springen erst gar nicht auf ein Profil ohne Bild an?

Erste Anmache nach 30 Sekunden

Meine Sorgen stellten sich als unbegründet heraus. Schon nach dreißig Sekunden rief ich meine Freundin herbei, damit sie liest was ich lese. Der erste Cyber-Groomer war am Haken und fragte, ob ich gerne auf ihn urinieren würde. Meine Freundin reagierte geschockt: „Oh Gott, stell dir vor, du wärst jetzt echt ein Kind!“. Ja, das versuchte ich gerade und sah mich mit der Herausforderung konfrontiert, meine Tarnung aufrecht zu erhalten. Wie schreibt eine 13-jährige? „Na alles töfte?“ oder „Alles roger in Kambodscha?“ oder vielleicht „Alles fit im…“ Nein, das wohl lieber nicht. War auch nicht nötig, da die meisten Chatpartner mir sowieso kurz nach Gesprächsbeginn mitteilten, wie fit im Schritt sie sind…

Versuchsaufbau

Da Cyber-Grooming (Blog) bei Kindern strafbar ist, habe ich auf Nachfragen mein Alter betreffend stets geantwortet, ich sei sogar erst dreizehn, obwohl ich laut Profil bereits vierzehn war. Ab diesem Zeitpunkt, lagen alle sexuellen Annäherungsversuch durch die Erwachsenen hypothetisch im strafbaren Bereich. Einen Abschreckungseffekt erzielte ich damit allerdings nicht. Denn kein einziger meiner Chatpartner brach den Flirt ab, nachdem ich mich als Kind outete. Die meisten Cyber-Groomer scheinen sich sicher zu fühlen im Chat. Hier zeigt sich einmal mehr, wie sehr das Internet als rechtsfreier Raum empfunden wird. Wenn ich sehr stark unter Druck gesetzt wurde oder mein Chatpartner anfing zu betteln („Komm bitte, lass Skype“; „Bitte, ich mach auch nichts“), entschied ich mich dazu, andere Saiten aufzuziehen. Ich fragte, ob das was sie vorhatten nicht verboten wäre. „Nö, wieso? Wir machen doch gar nichts“, lautete dann die Antwort von einigen worauf der Kontakt plötzlich abbrach. Andere waren unverfrorener und meinten bloß „Na und? Mir egal.“ So gut wie alle wussten also, dass ihre Taten falsch waren, sogar strafbar.

60 Anmachen innerhalb einer Stunde

Ziel der ganzen Aktion war es, zu lernen, wie Cyber-Groomer vorgehen und ob man  augenscheinliche Muster erkennen kann. Weiterhin wollte ich ein Gefühl über das Ausmaß bekommen, da Experten schätzen, dass die Dunkelziffer im Cyber-Grooming trotz einer geringen Zahl von Anzeigen in die Millionen geht. Laut Einschätzungen der UN und des FBI sind weltweit zu jeder Sekunde 750.000 Cyber-Groomer online. Schon am ersten Tag meines Experiments, konnte ich diese Einschätzung teilen. Ich habe die Zeit gestoppt und wurde innerhalb von fünf Minuten, sieben Mal von älteren Männern angesprochen. Insgesamt habe ich mit Unterbrechungen von mehreren Tagen ca. eine Stunde im öffentlichen Chat verbracht und nur eine Begrüßung („Hai, wie gehts?“) geschrieben. Innerhalb dieses Zeitraums habe ich Chatunterhaltungen mit über 60 Männern geführt. Man muss erwähnen, dass einige von ihnen unter Umständen wirklich erst sechzehn oder siebzehn waren und ihr Interesse an mir moralisch anders zu bewerten ist, als das eines Dreißigjährigen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine Straftat. Durch ein forscheres Chatverhalten meinerseits hätte ich jedes einzelne Gespräch eskalieren lassen können. Welches Ende, hätten diese Flirts nehmen können, wenn ich wirklich ein 13-jähriges Kind gewesen wäre, das nicht gelernt hätte “Nein” zu sagen?

„Welche Farbe hat dein Höschen?“

Meine Gesprächspartner haben ausnahmslos über kurz oder lang entweder versucht, mir intime Informationen zu entlocken („Welche Farbe hat dein Höschen?“), auf einen anderen Kanal zu wechseln („Hast du Skype oder kik? Sag mal wie du da heißt.“) oder hat sofort mit Dirty Talk angefangen („Willst du sehen wie ich es mir selbst mache?“). Dabei habe ich die Männer nicht angestachelt, sondern recht lakonisch auf ihre Fragen geantwortet. Bei einigen hatte ich den Eindruck, als sei ihnen ziemlich egal, ob da tatsächlich ein 13-jähriges Mädchen auf der anderen Seite sitzt. Ihnen genügt die Vorstellung.

Cyber-Groomer wissen, wie groß der Andrang an ein Kind im Chat ist, weshalb einige eine besonders perfide Masche entwickelten: Die große Schwester. Eine vorgeblich neunzehn Jahre alte Frau sprach mich an und begann über die perversen Männer zu lästern. Das Gespräch gipfelte meist nach wenigen Minuten in einen eigenen Flirtversuch. Ich könne ihr alles sagen und sie auch sexuelle Dinge fragen. Meiner Einschätzung nach handelte es sich um einen Cyber-Groomer. Sicher sein kann ich mir allerdings nicht.

Andere Gesprächspartner wollten auf Nummer sicher gehen und erfragten relativ früh, ob ich allein sei oder sich meine Eltern in der Nähe befänden. Einer ging sogar einen Schritt weiter und machte den Turing-Test mit mir („Fährt deine Mutter einen blauen Käfer? Hat deine Mutter eine Freundin, die einen blauen Käfer fährt?“), um feststellen zu können, ob er gerade einem Bot auf den Leim geht. Zunächst war ich verwirrt, weil die Frage überraschend und aus der Luft gegriffen war. Später fiel der Groschen. Man sollte nicht den Fehler machen und Cyber-Groomer unterschätzen. Einige wissen sehr genau was sie tun, sind Experten im Chatten. Übung macht eben den Meister.

Was man technisch tun kann

Diejenigen, die rasch auf einen anderen Kanal wechseln wollen und solche, die sofort zur Sache kommen, sind von der technischen Seite aus relativ leicht zu bekämpfen. Ein Wordblocker oder Meldesystem für Kanalwechsel könnten Kinder vor solchen Anbahnungen einen gewissen Schutz bieten. Sobald die Cyber-Groomer wissen, welche Worte sich in der Liste befinden, können sie diese allerdings austricksen. Wortlisten sind daher ohne ständige Erweiterung ein frugales Mittel. Noch schwieriger zu bekämpfen sind die – meiner Ansicht nach gefährlicheren – Groomer, die über längere Gespräche das Vertrauen der Kinder erschleichen möchten. Bei den „großen Schwestern“ und den echten Groomern hätte mir Privalino einen Dienst erweisen und den Chatpartner analysieren können. Viele hatten ein dominantes Chatverhalten. Zum Beispiel wurde ich rasch vor die Wahl gestellt, wenn es um den Kanalwechsel ging oder sexuelle Fragen, bei denen meine Antworten vage ausfielen („ja oder nein“). Mir wurde Prüderie unterstellt und prophezeit, ich würde auf diesem Weg niemals einen Mann finden. Zum Glück hatte ich das auch nicht vor.

Auch wenn es viele Fälle von Cyber-Grooming gab, sollte man nicht alle Online-Chats verteufeln. Sie bieten Kindern die Chance sich zwanglos auszutauschen und einander kennenzulernen. Jedoch gibt es immer Wege, jedes noch so sinnvolle System zu missbrauchen. Unser Ziel ist es, zusammen mit allen Eltern, Anbietern und Kindern, diese Wege für Täter zu versperren.

By | 2017-11-20T15:20:11+00:00 Juli 18th, 2017|Latest Articles|0 Comments

About the Author:

Der gebürtige Ratinger und Wahlduisburger ist der kreative Kopf hinter dem Marketing von Privalino und das betriebswirtschaftliche Rückgrat der Firma. Er sammelt schneller Meinungen als Lucky Luke seine Pistole zieht. Ob in der Hotellobby, am Messestand oder Netz: Patrick ist immer on fire für Privalino.

Leave A Comment