Cyber-Grooming feat. Thomas-Gabriel Rüdiger

Interview mit Deutschlands bekanntestem Cyberpolizisten

Geschrieben von patrick am 25.03.2017

Für den zweiten Blogeintrag zum Thema Cyber-Grooming habe ich ein Experteninterview geplant. Meine Notizen liegen bereit, ich habe Stift und Papier zu Mitschreiben hingelegt und suche die Nummer des Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdigers Nummer raus. Wir hatten ihn am Cyber-Grooming Abend im Ersten (28.09.16) bei Maischberger gesehen. Laut FAZ ist er “Deutschlands bekanntester Cyberpolizist”, also ein idealer Kontakt für Privalino. Aus dem Internet erfahre ich, dass er gerade zum Thema “Cyber-Grooming” promoviert, Jahrgang 1980 ist und bereits eine Vielzahl an Publikationen und Interviews von und mit ihm im Netz zu finden sind. Mal sehen was der so kann…

Was ist eigentlich Cyber-Grooming?

Cyber-Grooming ist laut der profamilia Fachtagungsstudie von 2014 “[…] das gezielte Ansprechen von Personen im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte”. Die Anbahnung definiert Bullens (1995) als die Planungsphase des sexuellen Missbrauchs. Im deutschen Sprachgebrauch meint Cyber-Grooming faktisch immer die Anbahnung an ein Kind, was in Deutschland alle Personen unter 14 Jahren einschließt. Im Jahr 2015 gab es insgesamt etwa 2000 Cyber-Grooming-Anzeigen, doch die Dunkelziffer schätzen Experten in ihrer Größenordnung im Millionenbereich, sagt der Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger im Talk bei Sandra Maischberger am 28.09.2016.

Punkt 10 Uhr wähle ich Herrn Rüdigers Nummer. “Moooin!” Kommt es aus der anderen Leitung und dann beginnt ein 52-minütiges Gespräch, bei dem ich meine sorgfältig zurechtgelegten Fragen schnell ad acta lege. Ich bekomme einen Crashkurs in Jura und Kriminologie zum Thema Grooming, ein paar Fallbeispiele und einen Einblick in Rüdigers Westentasche: Online-Gaming. Dabei redet er völlig frei und so schnell, dass ich die Mitschrift bereits nach einer Minute aufgebe und mich auf Stichworte beschränke. Rüdiger legt auch direkt mit juristischen Details los.

Untaugliche versus vollständige Versuchsstrafbarkeit

Der Paragraph 176 StGB (Sexueller Missbrauch von Kindern) verbietet Cyber-Grooming durch die Nummern drei und vier des Absatzes 4. Das reine Anbahnen mit dem Zweck, ein Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen oder sie vor dem Kind, zum Beispiel per Webcam, an sich selbst durchzuführen, ist nicht strafbar, wenn der Täter nur denkt, es handele sich bei dem Gesprächspartner um ein Kind. Sobald es aber zu sexuellen Handlungen kommt, kann auch der untaugliche Versuch strafbar sein. Das bedeutet: Wenn ein Polizist oder ein Bot (wie der Lolita-Bot) sich als Kind ausgibt, um potentielle Täter zu überführen und es kommt zu sexuellen Handlungen zum Beispiel vor der Kamera, so ist dies ein untauglicher Versuch, da ja nicht wirklich ein Kind betroffen ist, der Täter dies allerdings annahm. Dieser untaugliche Versuch ist aber theoretisch strafbar. Allerdings gibt es Forderungen nach der Einführung einer vollständigen Versuchsstrafbarkeit. “Beim Cybergrooming muss endlich auch der Versuch strafbar werden. Wir müssen jede Möglichkeit nutzen, um Kinder vor solchen Gefahren zu schützen. Dazu bedarf es endlich einer handfesten Sanktion. Das gilt auch dann, wenn der Täter unbewusst nur mit einem erwachsenen Lockvogel - etwa der Mutter des Kindes oder einem Polizisten - chattet und die geplante Tat deshalb im Versuchsstadium steckenbleibt”, sagt die rechtspolitische Sprecherin CDU/CSU, Elisabeth Winkelmeier-Becker. Dies würde bedeuten, dass es bereits strafbar wäre, in sexueller Absicht zu einem mutmaßlichen Kind Kontakt aufzunehmen. Inwieweit das beweisbar ist, sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Weitere Fragen stellen sich zwangsläufig: Könnte man nicht außerdem jeden Erwachsenen, der mit einem Kind chattet, sollte irgendwann die Versuchsstrafbarkeit vom Gesetzgeber verabschiedet werden, unter Verdacht stellen? Würde eine Versuchsstrafbarkeit nicht in dem beinahe vollständigen Erliegen der generationenübergreifenden Kommunikation gipfeln?

Spielerische Anbahnung…

Ich selbst bin ja kein Rechtsexperte, habe aber früher selbst leidenschaftlich gezockt. Im Online-Gaming Bereich sprechen erwachsene Männer und Frauen ständig mit Kindern, weil sie ein Team bilden oder sogar dem gleichen Clan angehören. Ein Warcraft III Match, ohne dass ein 12-Jähriger beim Towerrush meine Mutter auf das gröbste beleidigt, habe ich selten erlebt. Umgekehrt frustriert es einen gestandenen Mann, wenn er bei Call of Duty von einem Kind vorgeführt wird. Übrigens interessant: Rüdiger wusste nur einen Fall in dem bei Cybergrooming ein Online-Shooter – hier Call of Duty und Battlefield – relevant war. Die bösen Ballerspiele scheinen also nicht immer am gefährlichsten zu sein.

“Die Polizei von Great Manchester warnte erst jüngst davor, dass seit 2013 der sexuelle Missbrauch von fast 400 Kinder über das Onlinegame Clash of Clans eingeleitet wurde.” (Thomas-Gabriel Rüdiger)

Wie ich von Herrn Rüdiger erfahre, sind eigentlich alle Onlinegames, die eine Kommunikationsmöglichkeit bieten und viel von Kindern genutzt werden, potentiell gefährdend. Das kann ganz unterschiedliche Spiele betreffen wie Clash of Clans, League of Legends, Minecraft, Moviestarplanet oder auch Fifa. Dort spielen jung und alt zusammen und es kommt zu unverfänglicher Kommunikation. Aber auch zu gefährlicher. Gerade das Online-Gaming schafft eine ganz natürliche Form von Vertrauen zwischen zwei Mitspielern, ohne dass viel Kommunikation stattfinden muss, meint Rüdiger. Hier sieht er auch die Gefahr besonders bei Spielen, die eine Altersempfehlung ab 0, 6 oder 12 Jahren haben, wie zum Beispiel Clash of Clans. Das Spiel ist bei Kindern momentan das beliebteste Online-Game, sogar vor Minecraft. Hier sieht Rüdiger auch die deutsche Gesetzgebung in der Pflicht, denn: Die Spielbetreiber halten oft ein höheres Mindestalter in ihren AGBs fest, als die USK. Hier müsste der Gesetzgeber klar vorgeben, dass die Altersfreigabe der USK nicht unterhalb der der Spielbetreiber liegen kann.

Cyber-Grooming, das Kontrolldelikt

Meine Frage, wie die Sicherheitsbehörden und vor allem die Polizei der Zerfaserung auf unzählige Kanäle Herr werden kann, beantwortet Herr Rüdiger mit dem eindrucksvollen Argument, dass 85% der Anzeigen wegen Cyber-Grooming zu einer Aufklärung führen. Das größte Problem bei der Strafverfolgung ist also nicht die Aufklärungsquote der Polizei. Wenn es zu einer Anzeige kommt, wird man in fast 9 von 10 Fällen strafrechtlich belangt. Aber nur “wenn”. Denn in den meisten Fällen kommt es nicht zur Anzeige. Besonders bei Cyber-Grooming handelt es sich um ein sogenanntes Kontrolldelikt, auf das z.B. durch zufällige Kontrolle des Kommunikationsgerätes durch die Eltern gestoßen wird. Leider gibt es eine Masse an Delikten, die nicht zur Anzeige kommen. Die fehlende Sichtbarkeit einer sanktionierfähigen Instanz sorgt für die irrige Vorstellung, das Internet sei ein rechtsfreier Raum. Die Normen, welche für das reale Leben gelten, scheinen viele im Internet nicht zu sehen.


“Gehen Sie nachts bei rot über die Ampel?” (Rüdiger)
“Ja, schon.” (Ich)
“Und tagsüber?” (Rüdiger)
“Ne, da werd ich ja erwischt!” (Ich)
“Sehen Sie!” (Rüdiger)

Hier zeigt sich die Notwendigkeit von Privalino. Wir planen ein Meldesystem, um die Kontrolle zu beschleunigen und Eltern auf Cyber-Grooming aufmerksam zu machen. Ob sie diese Attacke dann zur Anzeige bringen, ist eine andere Frage, aber grundsätzlich ist die Erkenntnis groß. Wie wir auf breiter Basis und vielen Kanälen Schutz bieten können, muss noch geklärt werden. Auf alle Fälle liegt hier ein langer Weg vor uns.

Zum Ende des Gesprächs meine wichtigste Frage als Oldschool Zocker: Welche Spiele sind Thomas-Gabriel Rüdigers Favoriten der Genres Rollenspiel, Strategie und Shooter? Skyrim/Fallout, Hearts of Iron und Battlefield One, also sehr aktuelle und angesagte Spiele. Wahrscheinlich ist Thomas-Gabriel Rüdiger auch deshalb erfolgreich. Er ist selbst Zocker und kann auf Augenhöhe sowohl mit den Spielebetreibern, der USK, den Gamern und den Medien über Online-Gaming sprechen, weil seine Erfahrungen echt sind.

Wir versuchen mit Privalino ein System zu entwickeln, das Kinder vor Cyber-Grooming schützt. Um ein Problem lösen zu können, ist der erste Schritt, ein umfassendes Verständnis des Problems zu entwickeln. Mit Thomas-Gabriel Rüdiger konnten wir einen bundesweit renommierten Kriminologen interviewen, der viele Denkanstöße geliefert hat. Wir bei Privalino glauben, dass Cyber-Grooming ein vielschichtiges Thema ist und möchten unseren Beitrag leisten, darüber aufzuklären.

Wer dem Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger in den sozialen Medien folgen will, findet ihn auf Twitter, LinkedIn, Instagram oder auf seiner Homepage.

Das Titelbild stammt von Unsplash.

Patrick Schneider

Der gebürtige Ratinger und Wahlduisburger ist der kreative Kopf hinter dem Marketing von Privalino und das betriebswirtschaftliche Rückgrat der Firma. Er sammelt schneller Meinungen als Lucky Luke seine Pistole zieht. Ob in der Hotellobby, am Messestand oder Netz: Patrick ist immer on fire für Privalino.