Sexting Part I

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Sexting Part I

In Teil drei unserer Privalino-Blogreihe halten wir uns an die Tradition erfolgreicher Filmtrilogien (Tribute von Panem, Twiligt) und spalten den Beitrag in zwei Teile. So können wir später mehr DVDs verkaufen… Zu Teil 2 geht es hier lang!

Dieser Blogbeitrag wird etwas anders sein als die vorherigen und nicht durch Gedankengänge unterbrochen. Stattdessen werden zwischen einzelnen Textabschnitten Fragen an euch gestellt, um eine Reflexion mit dem eigenen Sexting-Verhalten anzuregen. 

Was ist eigentlich Sexting?

Bei Sexting handelt es sich um ein Kofferwort aus den Wörtern „sex“ und „texting“. Laut Medienpsychologin Prof. Dr. Nicola Döring [1] ist Sexting „der private Austausch selbst produzierter erotischer Fotos per Handy oder Internet“. Erotische Fotos sind in diesem Fall solche, die freizügig und in einem erotischen Kontext versendet werden und nennen sich „Sexts“. Dies schließt das Versenden eines Sixpack-Bildes in einem Flirt ein, jedoch nicht das Versenden eines Fotos am Strand in Badehose wenn es sich um eine unverfängliche Unterhaltung über den letzten Spanienurlaub handelt. Döring [2] schließt in ihrer Definition dabei bewusst das Versenden von verbalen sexuellen Anspielungen sowie den Austausch pornografischen Bildmaterials aus dem Internet aus. Sowohl im wissenschaftlichen als auch im öffentlichen Sexting-Diskurs gibt es grob unterteilt zwei verschiedene Positionen: Die Devianz-Position und die Normalitäts-Position. Laut Devianz-Position ist Sexting normabweichendes Verhalten und sollte von Jugendlichen vermieden werden. Die Normalitäts-Position sieht Sexting als eine moderne Spielart des Sexuallebens und nimmt gegenüber jugendlichem Sexting eine liberale Position ein.

Wer betreibt Sexting?

Auch wenn die Untersuchungen [3] zeigen, dass das Sexting-Phänomen vor allem bei Erwachsenen mit 53% verbreitet ist, sprechen die Studien mit minderjährigen Proband*innen für sich. Laut Jim Studie 2015 haben 10% der 12-13-Jährigen jemanden im Bekanntenkreis, der bereits Sexts von sich verschickt hat. Laut einer Studie der Organisation Saferinternet haben 16% der 14-18-Jährigen selber aktiv Sexting betrieben. In den USA haben in der Umfrage Sex and Tech sogar 20% der 13-19-Jährigen angegeben, Sexts verschickt zu haben. Bei allen Studien fällt auf, dass deutlich mehr Jugendliche Sexts erhalten als versendet haben. Diese Diskrepanz geht laut Prof. Dr. Döring [1] auf den großen Teil an unaufgeforderten Bildzusendungen zurück, den Jugendliche teilweise von völlig Fremden erhalten. Eine anderer möglicher Grund könnte in einer sozial erwünschten Beantwortung der Fragebögen zu finden sein.

Frage 1: Wie alt warst du, als du zum ersten Mal ein erotisches Bild erhalten hast oder geschickt hast?

Warum sexten wir?

Die vier wichtigsten Funktionen des Sexting sind laut Nicola Döring [2]

  • die Pflege einer bestehenden Paarbeziehung,
  • die Anbahnung einer neuen Paarbeziehung,
  • unverbindliche Flirts sowie
  • der Austausch in der Freundesgruppe.

Vor allem bei jungen Beziehungen dient das sexy Foto oft als Vertrauens- und Liebesbeweis, der auf Nachfrage erbracht wird. Ob ein Nacktbild wirklich der ultimative Beweis der Liebe ist, sei dahingestellt. Ohne Zweifel braucht es ein gehöriges Maß an Vertrauen, sofern es nur für die Augen des Empfängers gedacht ist und nicht für die Öffentlichkeit. Denn einer Studie der Internet Watch Foundation zufolge tauchen 88% der freizügigen Bilder und Videos junger Leute früher oder später auf öffentlichen Seiten auf.

Hallo, (ich bin 15 Jahre alt.) Mein Freund fragt mich sehr oft, nach einem Nacktbild. Er hat mir halt auch eins von sich geschickt (ohne, dass ich gefragt habe). Ich traue mich jedoch nicht, ihm eins von mir zu senden, da ich mit meinem Körper total unzufrieden und durch ständiges Mobbing sowieso auf ‚hate‘ geprägt bin. Außerdem habe ich Angst, dass er irgendwann, wenn die Beziehung vorbei ist, dieses Bild veröffentlicht oder halt irgendwelchen Mist damit anstellt, auch wenn ich ihm noch so sehr vertraue. Er meint dann, wenn ich ablehne immer, er sei doch aber mein Freund, da könne ich ihm auch ein Bild senden… Ich bin hin und her gerissen, weil ich nicht weiß, ob ich mich vielleicht doch dazu zwingen sollte, damit er glücklich ist… Wie ist eure Meinung dazu? (ImJustShy, gutefrage.net)

Die Aufforderung erotische Bilder oder Videos zu versenden kann leicht zur emotionalen Erpressung werden und kann, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, den Partner dazu bringen, ihren Instinkten zum Trotz, Sexting zu betreiben. Denn legt man die Gleichung Sexting = Vertrauen zu Grunde, liegt der Umkehrschluss nahe, dass kein Sexting = kein Vertrauen bedeutet. Durch diesen Umkehrschluss gerät die aufgeforderte Partei in ein Dilemma. Was bedeutet es, falls man sich weigert erotische Bilder zu versenden? Die scheinbar logische Verkettung („Du schickst mir keine Nacktbilder, also vertraust du mir nicht, also liebst du mich nicht, also ist die Beziehung wertlos!“) hat die bestehende Uneingeschränktheit von Vertrauen in einer Partnerschaft als Prämisse. Tatsächlich bildet sich Vertrauen aber erst mit der Zeit und wird durch Kommunikation und das Durchstehen von Krisen gefestigt. Laut pairfam sind Partnerschaften zwischen Jugendlichen sind zu 55% nach einem Jahr bereits wieder vorüber. Wie viel Vertrauen kann in einer so kurzen Zeit entstehen? Das Versenden eines Sexts ist in jungen Partnerschaften also eher ein Vertrauensvorschuss als ein Nachweis von Vertrauen. Es ist ein Faustpfand, das sagt: „Um dir meine Liebe zu beweisen gebe ich dir die Mittel mich gesellschaftlich zu vernichten.“

Frage 2: Hast du Sexts bislang aufgefordert oder unaufgefordert erhalten oder verschickt?

Nicola Döring stellt in ihren Arbeiten [1,2] fest, dass Sexting nicht immer eine Einbahnstraße ist. Oft wird Sexting durch den männlichen Part in heterosexuellen Beziehungen angestoßen, indem er initial ein erotisches Foto schickt. Den Prinzipien der Reziprozität folgend, wird dieses Foto dann durch ein eigenes Foto erwidert. Durch diesen Austausch befinden sich nun beide Seiten in einem Machtgleichgewicht und können sich der Integrität der anderen Seite etwas sicherer sein.

Jüngere Studien [4] betonen die positiven Seiten des Sexting. So geben Menschen, die häufig mit ihren Partnern erotische Texte oder Bilder versenden an, sexuell glücklicher in ihrer Beziehung zu sein. Auch die qualitativen Untersuchungen von Döring [1] zeigen, dass Sexting auch als adäquates Mittel zur Pflege von Fern- oder Internetbeziehungen dienen kann. Auch Online-Ratgeber sehen in Sexting eine Spielart, die eine Partnerschaft interessanter machen kann und stehen mit Rat und Tat zur Seite, damit Sexting ein Erfolg wird. Einige finden das Verschicken von Bildern absolut unbedenklich, solange man das Gesicht nicht erkennen kann, während andere das Verschicken von Nacktbildern als no-go betrachten und stattdessen zur erotischen Textnachricht raten.

Frage 3 : Bist du auf den erotischen Bildern, die du versendet hast, zu erkennen oder können die Bilder mit deiner Person in Verbindung gebracht werden?

Statistisch gesehen gehen 20% bis 40% der erotischen Bilder und Videos an Personen, mit denen man gerne zusammenkommen würde. Laut Döring dienen sie vor allem dem Zweck, die Annäherung schneller voranzutreiben und das Interesse zu steigern. Laut einer Studie der National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy & Cosmogirl.com funktioniert dies bei 22% der 13-19-Jährigen gut. Bei 13% führte Sexting eher zum gegenteiligen Effekt und verringerte das Interesse. Das vorschnelle Versenden eines Nacktfotos kann aufdringlichen wirken und außerdem den Verdacht wecken, dass die Person auch in Kommunikation mit anderen sehr freizügig ist.

Vor allem bei Flirts, die über das Internet initiiert werden, wird Sexting eingesetzt. Wer auf Tinder unterwegs war oder ist und schon den einen oder anderen Austausch auf WhatsApp verlagert hat, wird früher oder später über eine stattliche Sammlung erotischer Bildern völlig fremder Menschen verfügen. Sie dienen als Teaser und Katalysator für sexuelle Abenteuer. Einerseits kann festgestellt werden, ob der potentielle Geschlechtspartner auch unbekleidet attraktiv ist und andererseits senken erotische Bilder die Hemmschwelle zu unverbindlichen Sex, sobald es zum realen Treffen kommt.

Wir bei Privalino sehen Sexting als natürliche Art des intimen Austauschs zwischen sexuell selbstbestimmten Personen an. Allerdings sollte man sich insbesondere als Jugendlicher, aber auch als Erwachsener, Gedanken über die möglichen Konsequenzen machen und diese Überlegungen bei der Produktion und Weiterleitung erotischen Bildmaterials im Hinterkopf behalten. In Teil 2 des Beitrags werden wir besonders die gefährlichen Konsequenzen von unüberlegtem Sextingverhalten beschreiben.

Quellen:

[1] Döring, N. (2012). Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktionen und Folgen des Sexting. Zeitschrift für Sexualforschung, 25(01), 4-25.

[2] Döring, N. (2015). Sexting. Aktueller Forschungsstand und Schlussfolgerungen für die Praxis. In Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V. (Hrsg.),  Gewalt im Netz. Sexting, Cybermobbing & Co. (S. 15-43). Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V. ISBN: 978-3-00-049233-4.

[3] Klettke, B., Hallford, D. J., & Mellor, D. J. (2014). Sexting prevalence and correlates: A systematic literature review. Clinical psychology review34(1), 44-53.

[4] Stasko, E. C., & Geller, P. A. (2015). Reframing sexting as a positive relationship behavior. American Psychological Association, 6-9.

Featured image CC0 from pixabay.com.

By | 2017-05-29T09:02:06+00:00 Mai 29th, 2017|Latest Articles|0 Comments

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Der gebürtige Ratinger und Wahlduisburger ist der kreative Kopf hinter Privalino und sammelt schneller Meinungen als Lucky Luke seine Pistole zieht. Ob in der Hotellobby, am Messestand oder Netz: Patrick ist immer on fire für Privalino.

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